Der Teufelsgeiger spielt dir das Lied vom Tod – Zur Geräuschdramaturgie “Die Drei Schwestern”

9. Oktober 2014    

Fabel
Nach dem Tod ihrer Eltern leben die Drei Schwester gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej im Elternhaus. Andrej hat außerdem eine Frau Natascha und mit ihr ein Baby. Seine Schwestern Mascha, Irina und Olga hegen alle drei den innigen Wunsch nach Moskau zurückzukehren, wo sie aufgewachsen sind.  Im Moment, da die Handlung einsetzt, sind sie aber noch an das Haus gebunden. Jede aus einem anderen Grund. Olga, die Älteste arbeitet in dem kleinen Ort als Lehrerin arbeitet und Andrej hat eine Hypothek auf das Haus aufgenommen, um damit seine Spielsucht zu finanzieren.
Die beiden kleineren Schwestern Irina und Mascha arbeiten nicht, sondern werden hauptsächlich von grenzenloser Langeweile geplagt und versuchen sich zu beschäftigen.  Meistens halten sie sich im Haus auf und unterhalten sich mit den Männern vom Militär, die hier ebenfalls ein und aus gehen.  Der Einstieg ins Drama passiert am Namenstag von Irina, der gefeiert werden soll. Viele Gäste kommen nacheinander und versuchen sie mit Geschenken zu erfreuen. Doch die  Atmosphäre ist angespannt, da Natascha, die Frau von Andrej, sich nicht gut in die Familie integriert und Andrej dadurch Probleme mit seinen Schwestern hat. Er spielt Geige, aber verdient kein Geld. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Geschwister nicht zurück nach Moskau können. So spielt sich Akt nach Akt in besagtem Wohnzimmer in der russischen Provinz ab und nach und nach brodeln immer mehr Konflikte. Man erfährt wie unglücklich doch alle sind, die geschlossenen Ehen können nicht standhalten und werden hintergangen, Natascha macht sich breit und übernimmt die Führung des Hauses. Sie vertreibt klammheimlich die Schwestern in das Gartenhaus, da sie das Haus für ihre eigenen Kinder zu brauchen behauptet.
Ein Feuer im Nachbarhaus reißt alle aus ihrem Alltag, sie helfen. Die Lage eskaliert still, als der frisch Vermählte von Irina im Duell erschossen wird und das Militär abzieht. Plötzlich sind sie wieder allein mit ihren Problemen, die Geschwister Prosorow. Sie bleiben zurück in dem Haus und wissen immer noch nicht, wie man lebt.

Explizit genannte Geräusche
Regieanweisungen:

„Die Uhr schlägt zwölf“- „Mascha pfeift ein Lied vor sich hin“- „Mascha pfeift leise ein Lied“- „Fängt an, leise (Klavier) zu spielen“ -„lacht“- „Man hört, wie von unten jemand an die Decke klopft“ -„summt laut“- „setzt singend ihren Hut auf“ -„Ausrufe des Erstaunens und des Unwillens“ -„Betretenes Schweigen“- „Hinter der Bühne hört man eine Geige“- „applaudiert“- „mit einem Seufzer“- „Hinter der Bühne Geigenspiel“- „laut“- „wo sie lautstark empfangen werden“- „lautes Gelächter“ – „Hinter der Bühne spielt jemand auf der Straße kaum hörbar Harmonika“- „lauter“-„Es läutet“- „lacht, leise“- „Es klopft gegen den Boden“- „Tusenbach klopft auf den Boden“- „singen leise und spielen Gitarre“- „Irina singt leise“- „seufzt“- „leise“- „kommt Andrej leise mit seinem Buch“ – „tanzt und singt“ – „Murren und Zischen“- „Setzt sich ans Klavier und spielt einen Walzer“- „Man hört: “Auf Wiedersehen! Gute Nacht!“ Man hört Tusenbachs fröhliches Lachen“- „Es läutet, dann läutet es noch einmal, man hört Stimmen, Gelächter, sie gehen hinaus.“- „Man hört eine Troika mit Schellengeläute vor das Haus fahren“- Es läutet“- „Es läutet“- „Es läutet“- „Auf der Straße spielt jemand Harmonika, die Kinderfrau sind ein Lied“- „Alarmläuten wegen eines Feuers“- „läutet“- „Hinter der Bühne Alarmläuten“- „singt“- „Alarm“- „schweigend“- „Stimme Werschinins: Tram-tam-tam“- „Sturmläuten“- „Summt leise“- „Hinter der Bühne: Hu-hu! Hopp-hopp!“- „Im Haus spielt jemand auf dem Klavier „Das Gebet einer Jungfrau““-„Zieht die Uhr auf, sie schlägt“- „Man hört in der Ferne jemanden Harfe und Geige spielen“- „Hinter dem Garten der Ruf: Hu-hu! Hopp-hopp!“- „Man hört Rufe: Hopp-hopp! Hu-hu!“- „Ruf: Hu-hu! Hopp-hopp!“-„Vorbeiziehende Musikanten“- „In der Ferne hört man einen dumpfen Schuss“- „Hinter der Bühne spielt die Musik einen Marsch, alle lauschen“- „Die Musik spielt immer leider und leiser“

Sprachliche Äußerungen:

„Genauso hat damals die Uhr geschlagen“- „Ich erinner mich, als man Vater heraustrug, spielte die Musik, auf dem Friedhof wurde Salut geschossen“- „Unter der Brücke tost das Wasser“- „der Herr schenke ihr die ewige Ruhe“ -„Put, put, put“- „put put put“ – „put put put“- „er hat einen wunderbaren Klang (der Kreisel)“- „aber sie hört nicht“- „ich höre so schlecht“- „Wie der Ofen heult“- „Ich gehe ganz leise“- „Ich gehe hier raus, ganz leise.“- „Heute muss ich die ganze Nacht Klavier spielen“- „Wenn Sie das nicht hören wollen“- „Ich bin froh, jetzt hab ich Ruhe“- „Gestern habe ich ein Gerücht gehört“- „und dieser schreckliche Lärm da“- „Tram-tam-tam“- „Tam-tam“- „Tra-ra-ra?“- Tra-ta-ta.“- „Tram-tam-tam?“- „Tram-tam“-„put-put-put“- „Er spielt nur Geige“- „Jetzt werde ich …schweigen…schweigen“- „Tra-ta-ta“- „Wer klopft da an den Boden?“- „Hopp-hopp!“- „Tara…bumbija“- „Wann ist endlich wieder Ruhe im Haus. Dieser Lärm.“-„Piff-paff!“- „Ich rede doch ganz leise“-„Tararara – bumbija“- „Oh wie die Musik spielt“- „Die Musik spielt so fröhlich, so vergnügt“- „Tara-ra-ra bumbija“

Implizite Geräusche
Regieanweisungen:

„liest im Gehen die Zeitung“ -„Nimmt ein Parfümflakon aus der Tasche und bespritzt sich Hände und Brust“- „Zieht noch eine Zeitung aus der Tasche“-  „Schlägt die Hände vors Gesicht“- „Klopft mit der Gabel an den Teller“-„gähnt“- „Schlägt die Hände vors Gesicht“- „liest Zeitung“- „schlägt die Hände vors Gesicht“- „Stampft mit den Füßen auf“ – „Lauscht“- „fängt an, sich die Hände zu waschen“- „weint“- „Klopft ihm auf die Schulter“- „Lässt die Uhr fallen, sie zerbricht“- „Die Gitarre ist verbrannt“

Sprachliche Äußerungen:

„Wie schön, ein Arbeiter zu sein, der mit dem Morgengrauen aufsteht und auf der Straße Steine klopft“- „schieße ihnen eine Kugel durch den Kopf“-„Da capo“- „um zehn Uhr sind die Fastnachtsänger bei uns“- „In tausend Jahren wird der Mensch genauso seufzen“- „Hier in der Stadt versteht absolut keiner etwas von Musik“ – „ich kann nicht schweigen“- „ich höre sowieso nicht“ – „Was für eine unruhige Nacht“- „Leb wohl, Echo“- „Andrej soll mit seiner Geige in dein Zimmer ziehen- dann kann er da sägen“

Alternative Kategorien der Geräusche
Die vorgenommene Einteilung in explizite und implizite Geräusche erscheint mir im Nachhinein unpassend und nicht ergiebig. Sie drückt nicht das aus, was bei genauerem Hinsehen auffällt. Um das zu verdeutlichen würde ich vorschlagen, im Geiste eine Gliederung nach äußeren und inneren Geräuschen zu machen. Die inneren Geräusche wären damit jeweils diejenigen des Spielortes – also meist des Wohnzimmers-. Der Ursprung der Geräusche liegt damit stets am Aufenthaltsort der handelnden Personen.
Äußere Geräusche hingegen sind zwar innerhalb des Raums zu hören, werden aber außerhalb des Raumes produziert.  Diese Einteilung vornehmend, wird auffällig: Die drei Schwestern und alle anderen Figuren befinden sich zu jeder Zeit in einem stillen Raum. Hier wird stets „leise“ gesprochen und „leise“ gegangen. Keine großen Geräusche sind es, die den Raum ausfüllen. „Seufzer“, „schweigen“ und das „Nicht-hören-wollen“ reihen sich um die Protagonisten und legen sich wie Scheuklappen um ihre Gedanken.
Dagegen dringt von Außen immer wieder Musik herein. Musik, die für das Leben steht. „In der Ferne“, „auf der Straße“ und „hinter der Bühne“ spielen sich die großen Geräusche ab. Hier gibt es Musik, Menschen und Alarm. Die Sirenen dringen in das Haus der Schwestern ein und versuchen sie wachzurütteln aus ihrem komischen lethargischen Leben. Wie Apparate funktionieren die Figuren, indem sie ihren Text sprechen. Sie sprechen den Text nach, als hätte ihn jemand eingeflüstert. Sie hören die Geräusche nicht. Alarm Alarm, ihr verschwendet euer Leben. Es klopft von Außen an das Haus, es wird brüchig, die Mauern können bald nicht mehr standhalten. Das Leben rüttelt am Dach, das Haus  ist windschief, aber drinnen bleibt die Stille und die Wiederholung, während draußen der Sturm der Sirenen tobt.
Ein weiteres Element der Geräusche ist das „Da capo“, das Wiederholen. Immer wieder werden Teile von Kinderliedern repetiert. Sie erinnern an die unheimlichen Klänge der Spieluhr, die nach dem Aufziehen erst wohlklingend sind, mit der Zeit aber immer mehr verzerrt werden. Ihr seid keine Kinder mehr, will man ihnen zurufen, aber die Zeit in dem Haus scheint immer noch stehengeblieben zu sein.
Zuletzt fällt die Kategorie der Musik auf. Immer wieder taucht sie im Hintergrund auf. Meist in Form der Geige des Bruders. Die Eingangsszene beginnt mit der Erinnerung an die Musik, die bei der Beerdigung des Vaters gespielt wurde. Hier also der Dreh- und Angelpunkt. Damals blieb die Zeit stehen. Sie fungiert hier als eine Art Memento Mori und verkörpert das Gedächtnis der Schwestern. Der Bruder mit seiner Geige ermahnt immer wieder zum Gedenken an den Vater. Er spielt ihnen das Lied vom Tod.

Inszenierungsvorschläge
Um die Langeweile und die voranschreitende Zeit zu unterstreichen denke ich an Etwas, wie ein Metronom. Das geht aber nicht in einem aushaltbaren normal schnellen Tempo, sondern es soll etwas Verzögertes, Hinkendes und enorm Penetrantes haben. Vielleicht muss es immer wieder aufgezogen werden, weil es kurz vor dem Stehenbleiben ist? „Zieht die Uhr auf, sie schlägt“

Eine überdimensionale Spieluhr spielt immer wieder das gleiche Kinderlied. Vielleicht „Heidschi-bum-beidschi“ ? Denn in ihrer gnadenlosen Langeweile sind die Schwestern stets kurz vor dem Einschlafen.

Vielleicht schlafen sie tatsächlich immer wieder ein und werden durch ein Alarmsignal wieder geweckt. Ein Wecker, der immer wieder Alarm schlägt.

Auf der Bühne finden keine Dialoge statt. Wer reden will, geht vor die Tür! „Gehen wir raus, dort können wir reden.“ Es ist leise, man hört nur das Metronom und die Spieluhr.

Die Ausnahme: Die Schwestern spielen Flüsterpost. Der letzte sagt, was er verstanden hat: „Nach Moskau?“.

Zu Anfang großer Lärm, die auf der Bühne aufgebaute Bretterhütte wird von den Schwestern dicht gemacht. Alle Fenster werden verriegelt. Der Lärm ist nur noch dezent zu hören. Aber immer wieder werden Löcher durch die Wand geschossen, wodurch der Lärm wieder präsenter wird. „Dieser Lärm. Ich habe Migräne. Schaltet doch mal diesen Lärm ab“

Der Bruder Andrej ist der Teufelsgeiger. Sein Geigenspiel ist unerträglich, er ist ein schlechter Geiger und produziert quietschende und sägende Töne.  Er übt ein Lied ein. „Andrej, spiel uns das Lied vom Tod“. Die Schwester versuchen stets summend einzusteigen und im die richtige Melodie ins Ohr zu bringen.

Ein Megaphon (es ist prädestiniert dafür, hier verwendet zu werden) dient Natascha als Sprachrohr. Sie ist Oberbefehlshaber.

Dem Publikum wird zum Einlass Oropax ausgehändigt, da am Ende ein ohrenbetäubender Lärm vorherrschen wird, wenn die Schwestern beginnen mit Gebrüll das brennende Haus in seine Einzelteile zu zerlegen. Es beginnt mit der Vergewaltigung aller auf der Bühne befindlichen Instrumente (Geige, Gitarre, Klavier….) und endet in einem riesigen Trümmerhaufen. Mord und Totschlag sind nicht auszuschließen. Dazu spielt der Teufelsgeiger weiterhin das Lied vom Tod.

Geräuschdramaturgie
Der Teufelsgeiger spielt dir das Lied vom Tod
Nach: Anton Tschechow: Drei Schwestern

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